Freitag, 1. April 2011

Ist Fortschritt von Gestern?

Kollektiv dia zu Stuttgard 21:


Nachdem ich diesen sehr schönen Kommentar zu Stuttgard 21 gesehen habe wurde mir etwas klar. Diese Frage kann man noch viel allgemeiner formulieren: Ist der Fortschritt noch Fortschrittlich?

Es wird oft so dargestellt, dass ökologische  Lebensweise und Ideen grundsätzlich gegen den Fortschritt sind. z.B. die FDP stellt gerne die Grünen als "Dagegen - Bürger " dar,  die nur im Weg sind. Aber oft ist gerade dieses "Dagegen" weniger egoistisch als der gnadenlose Fortschritt. Die FDP vergisst auch leider, dass bestimmt nicht alle ihrer Wähler für alle Ihrer Entscheidungen sind, sondern durchaus mal dagegen. Sind die deswegen jetzt grün? Glaube ich eher weniger. 

Aber was ist eigentlich Fortschritt? Geht es hier einfach nur darum zu Zeigen was wir technisch alles so können? Wie intelektuelle Selbstbefriedigung? Fortschritt soll doch bedeuten dass wir als Menschheit einen weiteren Schritt vorangegangen sind, auf dem Weg in eine zivilisierte Welt. oh je, wieder so ein Schlagwort. Was ist jetzt zivilisiert?  - also auf jeden Fall sollte es allen dadurch besser gehen, damit es gerecht ist.

Aber der Fortschritt wird immer sehr einseitig gesehen. Denn:
Was Bringt ein schneller Zug im neuen Bahnhof, wenn ich nicht mehr in Stuttgart leben kann vor lauter Baulärm?
Was bringt Atomstrom im Überfluss, wenn ich ständig in Angst lebe vor Atomarer Strahlung?
Was bringt ein Auto das 300 km/h fährt, wenn soviele Menschen im Verkehr sterben?
Was bringen große Autos mit zig Airbags, wenn die Straßen für Kinder zu gefährlich werden?
Was bringen immer schnellere Straßen um dann doch wieder im Stau zu stehen?
Was bringen immer mehr Straßen, wenn ich vor Autolärm nichtmehr schlafen kann?
Was bringt mir das ewige Fahren im Auto, wenn ich dann die gewonnene Zeit im Fitnessstudio nutzen muss um die Pfunde wieder loszuwerden?
Was bringt mir billiges Öl, wenn es nur noch mit Öl verseuchten Fisch aus dem Golf von Mexiko gibt?
Was bringt mir billiges Öl, wenn Kriege dafür geführt werden müssen? 
Was bringen mir Orangen und Bananen im Winter, wenn Sie mit Pestiziden verseucht sind?
Was bringt mir billige Kleidung, die von Kindern genäht wurde?
Was bringen mir Energiesparlampen, die mich mit Quecksilber vergiften?
Was bringen mir Offshore Windparks wenn die neuen Stromtrassen mehr Elektrosmog in vielen Gemeinden bedeuten?
Was bringt die Demokratie im Irak, wenn danach alles mit Uranmunition verseucht ist?
Was bringen mir die Nanoteilchen, wenn jetzt schon das Asbest so große Probleme bereitet?
Was bringt mir Medizin, die meine Leiden nur verlängert und nicht beendet?
Was bringt genetisch verändertes Essen im Überfluss, wenn es mich krank macht?
Was bringt ein Großprojekt das 10 Jahre dauert, wenn es dann bereits veraltete Technik ist?
Was bringt mir der Riesen Plasma TV zu hause, um nur noch mehr Gehirnwäsche zu sehen?

Was bringt mir der Vorteil jetzt, der schon morgen ein Nachteil ist?
Ist das wirklich ein Schritt nach vorne, also Fortschritt?


Kann man nicht auch neue technische Dinge ausprobieren oder auch große Projekte ausführen und dabei etwas rücksichtsvoller vorangehen? Sind große Projekte so überhaupt nötig?
Es geht hier ja nicht gleich darum sein ganzes Leben umzustellen und bei Wasser und Brot in der Höhle zu wohnen.  Aber man kann sich doch oft einfach Gedanken machen wie... brauche ich dieses Dings wirklich? Ändert sich überhaupt was wenn ich es nicht habe? Wurde mir vielleicht einfach von der Werbung oder vom Nachbar eingeredet, dass ich es brauche?
Bin ich vielleicht sogar glücklicher, wenn ich es nicht habe?
Das gilt im kleinen, wie im großen.

Vielleicht hat unsere Gesellschaft einfach den Punkt erreicht, wo es uns bereits gut geht. Das jeder weitere Schritt der scheinbar nach vorne geht, uns eigentlich aus unserer bequemen Situation herausführt. Oder dass ein Schritt zurück uns gar nicht wehtut, aber uns dafür ein ruhiges Gewissen verschafft. Vielleicht ist es nach dem ewigen höher, schneller weiter einfach jetzt die Zeit für kleiner, langsamer, nachhaltiger.

Kommentare:

  1. "Was bringt genetisch verändertes Essen im Überfluss, wenn es mich krank macht?"

    Das durch GVO´s höhere Erträge erzielt würden, hat sich als Fehlkalkulation erwiesen. Es wird bloss noch mehr Glyphosat (Gift) benötigt...

    "Oder dass ein Schritt zurück uns gar nicht wehtut, aber uns dafür ein ruhiges Gewissen verschafft."

    Und (den Lebewesen auf) unserem Planeten eine Chance, weiterzuexistieren. "Open your eyes the world IS dying..."

    Sorry für die Pedanterie, der Post ist hinreissend weise, ich bin tief beeindruckt; und hocherfreut dass diese Problematik mal Jemand anspricht. Vielen lieben Dank.
    Hochachtungsvoll
    Una Bastet

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  2. Hey, danke für das Lob. Die Liste kann man bestimmt noch sehr lange weiterführen.

    Dein Beispiel zeigt, dass selbst die eigentlichen Versprechungen nicht eingehalten werden. Was am Ende nur noch den Schluss zulässt, dass letztendlich nur ein Ziel verfolgt wird: Geld und Macht.

    Leute die reich sind sollte man immer mit Vorsicht genießen. So ziemlich alle Berufe bei denen viel Geld verdient wird, beuten andere Menschen aus.

    Ich sollte von Beruf her eigentlich ein Technik Befürworter sein, aber je länger ich mich damit auseinander setze, desto mehr denke ich dass das Glück in der Natur liegt. Man muss es zunächst vergraben und warten, und erst beim ernten wird es bewusst.

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